{"id":5,"date":"2012-12-29T15:37:49","date_gmt":"2012-12-29T13:37:49","guid":{"rendered":"http:\/\/bls-senat.de\/oskar-maria-graf\/anmerkungen-zum-studium\/"},"modified":"2023-01-07T22:04:48","modified_gmt":"2023-01-07T21:04:48","slug":"anmerkungen-zum-studium","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bls-senat.de\/?page_id=5","title":{"rendered":"Anm. zum Studium O. M. Grafs"},"content":{"rendered":"<p>Allm\u00e4hlich aber verlor sich diese Sch\u00fcchternheit, und ich suchte auch andere H\u00f6rs\u00e4le auf.<br \/>\nEs war \u00fcberall das gleiche. H\u00f6chstenfalls hatte dieser oder jener Professor eine tiefere oder hellere, eine deutlichere oder undeutlichere Aussprache. Hier zerredete einer eine Stunde wegen einer Wortwendung in einem mittelhochdeutschen Gedicht, dort erging sich einer \u00fcber das psychologische Prinzip bei Nietzsche, ein anderer wieder lehrte \u00fcber Gottesglaube und G\u00f6tterverehrung im Altertum und in der Jetztzeit, und jener las \u00fcber Strafrecht und seine Fundamente im modernen Kulturstaat. Ich schaute den Redner an, ich blickte auf die Studenten und Studentinnen ringsherum.<br \/>\nEs kam mir vor, als h\u00e4tten sie alle die gleichen Gesichter. Sie r\u00fcckten die B\u00e4nke, hatten ab und zu ein Blatt Papier oder ein Heft vor sich und notierten. Hin und wieder strampelten sie oder scharrten mit den F\u00fc\u00dfen wie unartige Schulkinder, dann gingen .wieder weg mit ihren Mappen.<\/p>\n<p>Ich sah noch genauer hin und dachte alsdann \u00fcber die Laufbahn eines solchen Menschen nach. Also so etwas wird nach einer Reihe von Jahren wieder Professor und steht auch wieder da vorne hinter dem Pult und redet? Und die? Die werden Richter und richten uns. Diese werden Pfarrer, predigen und halten Messe, und die treten sp\u00e4ter in den Staatsdienst, fangen als niedere Leute an, verm\u00e4hlen sich z\u00fcchtig, werden bef\u00f6rdert, bekommen Titel und Rang und regieren uns schlie\u00dflich.<br \/>\nDie Universit\u00e4t also, das war die Einrichtung, wo man immer und immer, Jahre hindurch, zuh\u00f6rt und dann noch so und so viel B\u00fccher durchliest, und endlich wird man etwas. Das gibt sodann die gebildete, bessere Gesellschaft.<\/p>\n<p>Arbeiter arbeiten, die Bauern pfl\u00fcgen und ernten &#8211; diese Leute aber sagen, was richtig und falsch, was gesetzlich und ungesetzlich, sittlich und unsittlich ist. Mit einem Wort, diese Leute geben den Ton an, sie verstehen es, den gesunden Menschenverstandes so umzumodeln, jedes Wort und jeden Begriff so vieldeutig zu machen, dass der einfache Mensch davon verwirrt wurde und Respekt davor bekam, ja, noch mehr, sogar- eine undefinierbare Furcht.<br \/>\nUnd das? Das machte ihn dann dieser Gesellschaft gef\u00fcgig. \u00bbWissen Sie, lieber als all diese Studenten und Studentinnen, die jeden Monat von daheim ihr Geld bekommen und hinten und vorn nichts, gar nichts vom Leben kennen, lieber ist mir doch der n\u00e4chstbeste Lumpensammler!\u00ab sagte ich zum Rote-Kreuz-Mann. Der fing sofort an, mich zu belehren.<br \/>\n\u00bbAber Herr Graf!\u00ab\u00ab rief er: \u00bbHerr Graf, Sie sind Rationalist! Sie sind durch und durch mechanistisch eingestellt. Sie m\u00fcssen denken, die Universit\u00e4t ist eigentlich ein geistiger Staat! . . . Die Universit\u00e4t ist die h\u00f6chste sittliche Warte!\u00ab\u00ab Und schon kam er ins Eifern: \u00bbZu Luthers Zeiten zum Beispiel war sie der Sammelpunkt der ethisch Reifsten aus dem ganzen Volk! . . . Das soll auch heute noch so sein und ist auch meistens noch so.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, aber das &#8211; das kostet doch eine Masse Geld da drinnen . . . Ein armer Mensch kann da doch gar nicht hingehen\u00ab, erwiderte ich plump und geh\u00e4ssig und fuhr gleich weiter: \u00bbWenn keine Universit\u00e4t und all diese sch\u00f6nen Spr\u00fcche nicht mehr sind, deshalb geht die Welt genau so weiter! . . . Ethisch Reifsten, sagen Sie? . . . Die da drinnen k\u00f6nnen leicht gut und gebildet und anst\u00e4ndig und wei\u00df Gott was sein, sie haben keinen Hunger und die besten Aussichten!\u00ab\u00ab<br \/>\nDer Mann warf sich f\u00f6rmlich auf mich.<br \/>\n\u00bbAber Herr Graf, Sie m\u00fcssen doch bedenken, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, und wir sind doch eine Nation, ein Staat!\u00ab rief er und nahm mich in seine Wohnung mit. \u00bbStaat, Nation? Das sind blo\u00df alles fixe Ideen! Alles blo\u00df Erfindungen der Oberen! Wir brauchen blo\u00df Menschen!\u00ab erwiderte ich polternd.<br \/>\nDie Frau des Mannes redete jetzt auch. Der Mann fing wieder von Kleist an, vom sittlichen Kern der Nation, vom deutschen Geist.<br \/>\n\u00bbAh, Geist!\u00ab brummte ich pl\u00f6tzlich geringsch\u00e4tzig und missmutig: \u00bbImmer hei\u00dft &#8217;s gleich, man muss Geist haben und Charakter haben &#8230; Ich hab&#8216; die zwei Sachen nicht gelernt.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, aber Sie dichten doch, Graf! Der Dichter ist \u00fcberhaupt das Allergeistigste!\u00ab trieb mich der Mann in die Enge.<br \/>\n\u00bbJa, ich will ja eigentlich blo\u00df Unterhaltungsschriftsteller werden\u00ab, sagte ich in Ermangelung einer besseren Widerlegung und teilweise aus reiner Wut.<br \/>\nEr sah mich l\u00e4chelnd an, seine Frau sch\u00fcttelte verzeihend den Kopf.<br \/>\n\u00bbJa, zu was schreiben Sie denn dann Gedichte?\u00ab fragte der Mann. \u00bbDas &#8211; das sind nur \u00dcbungen\u00ab, erwiderte ich wie vorhin, \u00bbdas andere kann ich eben noch nicht.\u00ab<br \/>\nIch wollte absto\u00dfen, aber die Leute fingen immer wieder mit Belehrungen an. Die Frau hatte die Zeitung in der Hand, schlug sie auseinander, las laut \u00fcber einen kleinen Fortschritt unserer Truppen im Westen und sagte jammernd: \u00bbUm Gottes willen! &#8230; Entsetzlich, die neunte Kompanie! Wird doch meinem Bruder nichts zugesto\u00dfen sein.\u00ab<br \/>\nIch sah fl\u00fcchtig auf die Titelseite. In fett gedruckten Lettern las ich fliegend: &gt;Revolution in Russland! <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kerenski\" title=\"Klick zur Wikipedia-Seite\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kerenski<\/a>\u00a0 gest\u00fcrzt! Petersburg und Moskau in der Gewalt der Revolution\u00e4re! Arbeiter- und Bauernregierung in Russland!&lt;<br \/>\nEs durchzuckte mich wie elektrisch. Ich sprang auf die Zeitung und starrte auf die Botschaft, dass die zwei fast zur\u00fcckwichen. \u00bbMensch!\u00ab stie\u00df ich j\u00e4h heraus: \u00bbMensch! Die Revolution! Revolution!\u00ab Ich achtete auf nichts mehr.<br \/>\n\u00bbDie Revolution f\u00e4ngt an! Auf der ganzen Welt! Es wird ganz, ganz anders\u00ab sagte ich wie in einem Rausch: \u00bbJetzt geht die neue Zeit an!\u00ab<\/p>\n<p>Quelle dieser Leseprobe:<\/p>\n<p>S. 293\u00a0 bis 295\u00a0 in<br \/>\n\u201eWir sind Gefangene\u201c , <span class=\"st\">Ein Bekenntnis aus diesem Jahrzehnt\u00a0<\/span> die  1927 erstmalig ver\u00f6ffentlichte Autobiografie; \u00a0 Thomas Mann urteilte \u00fcber Grafs erfolgreichsten Roman, er sei ein  &#8222;menschlich-historisches Zeugnis von unverg\u00e4nglichem Werte&#8220;, und verhalf  ihm fr\u00fch zur \u00dcbersetzung in den USA: &#8222;Prisoners All&#8220; erschien 1928; \u00a0 \u00dcbersetzungen in alle Weltsprachen folgten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allm\u00e4hlich aber verlor sich diese Sch\u00fcchternheit, und ich suchte auch andere H\u00f6rs\u00e4le auf. Es war \u00fcberall das gleiche. H\u00f6chstenfalls hatte dieser oder jener Professor eine tiefere oder hellere, eine deutlichere oder undeutlichere Aussprache. 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