{"id":24,"date":"2013-01-01T18:54:23","date_gmt":"2013-01-01T16:54:23","guid":{"rendered":"http:\/\/bls-senat.de\/oskar-maria-graf\/unterricht-beim-lehrer-manner\/"},"modified":"2013-05-31T16:29:52","modified_gmt":"2013-05-31T14:29:52","slug":"unterricht-beim-lehrer-manner","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bls-senat.de\/?page_id=24","title":{"rendered":"Unterricht beim Lehrer M\u00e4nner"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/bls-senat.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/lehrer_maenner_kopfb.jpg\" title=\"Lehrer M\u00e4nner Kopfbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bls-senat.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/lehrer_maenner_kopfb.thumbnail.jpg\" title=\"Lehrer M\u00e4nner Kopfbild\" alt=\"Lehrer M\u00e4nner Kopfbild\" align=\"left\" hspace=\"8\" vspace=\"4\" \/><\/a>Die vier Klassen in dem Schulraum vom Lehrer M\u00e4nner wurden folgenderma\u00dfen unterrichtet: Die vierte und f\u00fcnfte lernten stets das gleiche, die sechste und siebente ebenso. Demnach h\u00e4tte also ein Sch\u00fcler aus der vierten Klasse nach vollendetem Schuljahr ohne weiteres in die sechste aufsteigen k\u00f6nnen, aber wahrscheinlich sagte man sich: \u00bbDoppelt gelernt h\u00e4lt besser.\u00ab Im \u00fcbrigen kostete es auch viel M\u00fche und unendliche Geduld, den zahlreichen, oft erschreckend zur\u00fcckgebliebenen, stumpfen Bauern- und H\u00e4uslerskindern, die daheim zu nichts anderem angehalten wurden als zur Arbeit und zur Religion, auch nur halbwegs den gewi\u00df nicht umf\u00e4nglichen Unterrichtsstoff beizubringen. Sie kamen aus entlegenen D\u00f6rfern und Ein\u00f6dh\u00f6fen, die meist noch nie ein Fremder betreten hatte, w\u00e4hrend wir aus Berg und vom Seeufer, wo viele vornehme Herrschaftsvillen standen und ein reger allj\u00e4hrlicher Sommerfrischlerverkehr herrschte, doch immerhin mit der gr\u00f6\u00dferen Welt in Ber\u00fchrung standen und manches annahmen. Wie es b\u00e4uerliche Art ist, hielten die Eltern jener Kinder \u00fcberhaupt nicht viel vom Lernen. Der gewohnte Gott und die ewiggleiche Ackererde schienen ihnen das wichtigste f\u00fcr einen heranwachsenden Menschen. Wenn erobendrein oder nebenher noch einigerma\u00dfen lesen, schreiben und rechnen konnte, war das schon \u00fcbergenug, ja, fast erstaunlich. Alles andere galt f\u00fcr das sp\u00e4tere Leben als ziemlich zwecklos.<\/p>\n<p>Es will also wenig besagen, dass wir, die leicht und zum Teil auch gern lernten, dem Lehrer in dieser Hinsicht nur wenig \u00c4rger bereiteten, aber ich m\u00fcsste l\u00fcgen, wenn ich behaupten w\u00fcrde, dass der M\u00e4nner uns Kinder vom B\u00e4cker Graf sch\u00e4tzte. Und seitdem ihn unser Vater so grob beleidigt hatte, verhielt er sich nat\u00fcrlich noch um einige Grade k\u00fchler zu uns. Er trug uns auch noch etwas anderes nach. Er sah es zum Beispiel besonders gern, wenn sich am Pr\u00fcfungstag, nachdem das \u00fcbliche Pensum durchgenommen war, noch Sch\u00fcler oder Sch\u00fclerinnen meldeten, um ein Extragedicht vorzutragen. Freilich war das meistens nur ein mechanisch auswendig gelerntes Geleier mit lauter falschen Betonungen, bei dem man merkte, dass Kopf und Herz die Worte, die der Mund aussprach, \u00fcberhaupt nicht erfa\u00dft und begriffen hatten, aber so eine Probe bewies doch den Lerneifer des betreffenden Sch\u00fclers. Der M\u00e4nner liebte Gedichte. Wenn er uns gelegentlich eines vorlas, wurden wir zuweilen bewegt. Er las langsam, leicht getragen und sehr sch\u00f6n, gleichsam sich selbst zum Genuss. Am Schluss hielt er einige Sekunden inne und schaute forschend und ein ganz klein wenig feierlich in unsere Reihen, als wolle er die Wirkung feststellen. Dann fing er an, uns sehr einfach und ungemein eindringlich die Wortsch\u00f6nheiten und den Sinn der Verse begreiflich zu machen. Dabei bekamen seine blassen Wangen unverhofft etwas Farbe, seine blanke Glatze schien mehr als sonst zu gl\u00e4nzen, und seine innere Anteilnahme war so sichtbar, so sp\u00fcrbar, dass man glauben konnte, er spr\u00e4che gar nicht zu Kindern, sondern zu Menschen seines Sinnes. Auch ich hatte Gedichte gerne und las viele davon in den Zeitschriften und B\u00fcchern daheim, aber ich las sie immer stumm und behielt sie f\u00fcr mich. So etwas in Gegenwart von anderen Menschen laut vorzutragen, kam mir damals sehr kindisch, exaltiert und l\u00e4cherlich vor. Und bei meinen anderen Geschwistern war es noch weit \u00e4rger. Wir meldeten uns nie.&#8220; &#8230;<\/p>\n<p>Leseprobe S. 228 bis 229 aus<br \/>\nOskar Maria Graf:\u00a0 \u201eMitmenschen\u201c<br \/>\n(urspr\u00fcnglich 1949 erschienenes Essay \u201eDer Lehrer M\u00e4nner\u201c  1949) Enthalten auch in der, in den meisten B\u00fcchereien verf\u00fcgbaren,\u00a0  Werkausgabe unter \u201eGesammelte Erz\u00e4hlungen\u00a0 Band 2\u201c =\u00a0 \u201eErz\u00e4hlungen aus  dem Exil\u201c S. 211 bis 248\u00a0 M\u00fcnchen, List , 1994 &#8211; 495 S.<br \/>\n(ISBN  978-3-471-77695-7)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vier Klassen in dem Schulraum vom Lehrer M\u00e4nner wurden folgenderma\u00dfen unterrichtet: Die vierte und f\u00fcnfte lernten stets das gleiche, die sechste und siebente ebenso. 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