{"id":18,"date":"2013-01-01T16:51:57","date_gmt":"2013-01-01T14:51:57","guid":{"rendered":"http:\/\/bls-senat.de\/zum-mythos-ludwig-ii-und-den-\u201cvon-bayern\u201d\/gotterdammerung-ludwig-ii\/"},"modified":"2013-05-31T17:01:30","modified_gmt":"2013-05-31T15:01:30","slug":"gotterdammerung-ludwig-ii","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bls-senat.de\/?page_id=18","title":{"rendered":"G\u00f6tterd\u00e4mmerung  Ludwig II"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Ministerpr\u00e4sident Seehofer,<br \/>\nsehr geehrte Herren Staatsminister Fahrenschon und Dr. Heubisch,<br \/>\nlieber Herr Landrat Neiderhell,\u00a0 sehr geehrter Herr Pr\u00e4sident Dr. Erichsen,<br \/>\nmeine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Festg\u00e4ste,<\/p>\n<p>\u201eAlles was ist, endet.<br \/>\nEin d\u00fcstrer Tag<br \/>\nd\u00e4mmert den G\u00f6ttern.\u201c<br \/>\n(Rheingold)<\/p>\n<p>G\u00f6tterd\u00e4mmerung  \u2013 Wotans, Walhalls, der alten Ordnung Untergang. Die Weltesche liegt  gef\u00e4llt f\u00fcr den Weltenbrand. Wirklich Zeiten-Ende oder nur Zeiten-Wende?<br \/>\nDiese  Frage l\u00e4sst Richard Wagner im Epos \u201eDer Ring der Nibelungen\u201c offen.  Dass er sich in vielen Ankl\u00e4ngen auf die eigene Gegenwart, die  Umbruchzeit des 19. Jahrhunderts, bezieht,<br \/>\nsteht dagegen fest. Als die G\u00f6tter in ihren gigantischen neuen Palast Walhall einziehen, sagt Loge:<br \/>\n\u201eIhrem Ende eilen sie zu,<br \/>\ndie so stark im Bestehen sich w\u00e4hnen&#8230;\u201c<br \/>\n(Rheingold 1852)<br \/>\nViele  Zeitzeugen ahnten damals, dass sich gewaltige Ver\u00e4nderungen anbahnten.  Die Industrialisierung griff m\u00e4chtig aus. Die Bev\u00f6lkerung explodierte,  st\u00e4dtische Ballungsr\u00e4ume entstanden, die Eisenbahn r\u00fcckte die Welt  zusammen. B\u00fcrger, Techniker und Arbeiter r\u00fcttelten an den Grundfesten  der alten Ordnung. Eine neue d\u00e4mmerte herauf: das Zeitalter der  Demokratie \u2013 unsere Welt.<br \/>\nAus dieser spannenden Epoche erz\u00e4hlen wir  Ihnen heute, liebe Festg\u00e4ste, eine ihrer dramatischsten Geschichten: die  Geschichte K\u00f6nig Ludwigs II. und seiner Bayern. Sie ist vielleicht  sogar die anr\u00fchrendste; nicht umsonst begr\u00fcndete sie zwei Mythen: den  Mythos Ludwig und den Mythos Bayern. Im Zeitalter der Globalisierung  sind sie aktueller denn je. Es ist Zeit f\u00fcr eine Neuinszenierung. Es ist  Zeit f\u00fcr eine Bayerische Landesausstellung. Wir erz\u00e4hlen sie in der  Form des klassischen Dramas:<br \/>\nEs beginnt mit dem ersten Akt: Wie  Ludwig K\u00f6nig wurde. Kindheit und Jugend liegen bereits hinter dem  Schleier der Legenden und Klischees. Jede Zeit hat sich ihr eigenes Bild  Ludwigs gemacht. Bis heute pr\u00e4gten es vor allem die Filme der  Regisseure K\u00e4utner und Visconti. Sie inszenierten die ber\u00fchmte Romanze  Ludwigs mit Elisabeth, der Kaiserin von \u00d6sterreich. Die Realit\u00e4t sah  anders aus.<br \/>\nAls Ludwig, noch keine 18 Jahre alt, gerade sein  Universit\u00e4tsstudium begonnen hatte, starb v\u00f6llig unerwartet sein Vater  K\u00f6nig Maximilian. Die bayerische Verfassung sah den K\u00f6nig in der Rolle  eines Ministerpr\u00e4sidenten, der die Politik steuern und seine Minister  leiten sollte. Konnte diese Mammutaufgabe ein unerfahrener junger Mann  bew\u00e4ltigen?<br \/>\nDie Antwort gibt der zweite Akt: Wie der K\u00f6nig Krieg  f\u00fchren musste und einen Kaiser \u00fcber sich gesetzt bekam. 1866 ging es um  nichts weniger als die Souver\u00e4nit\u00e4t Bayerns. Es ging aber auch um eine  Neuordnung Deutschlands, ja Europas. Der Wiener Kongress von 1815 und  der daraus hervorgegangene lockere deutsche Staatenbund hatten  Deutschland eine 50-j\u00e4hrige Friedenszeit geschenkt. Dazu geh\u00f6rte die  Gro\u00dfmacht \u00d6sterreich mit B\u00f6hmen und Ungarn. Die zweite Gro\u00dfmacht war  Preu\u00dfen, ganz anders als \u00d6sterreich national ausgerichtet, mit einem  politischen Schwergewicht an der Spitze: Bismarck, dem es um einen  schlagkr\u00e4ftigen zentralistischen Nationalstaat unter preu\u00dfischer F\u00fchrung  ging.<br \/>\nEs lief auf einen Krieg hinaus: 1866 siegte die \u00fcberlegene  preu\u00dfische Milit\u00e4rmacht \u00fcber \u00d6sterreich. Bayern stand auf der Seite des  Verlierers und wurde in einem ersten gro\u00dfen Schritt in Richtung  kleindeutscher Nationalstaat gedr\u00e4ngt. (Der K\u00f6nig widerstrebte genauso  wie die Mehrheit des Landtags. Die Minister dagegen nahmen Kurs in  Bismarcks Richtung.)<br \/>\nDas Land war uneinig. Die Altbayern, vor allem  die Niederbayern und Oberpf\u00e4lzer, hingen an \u00d6sterreich. Sie sahen auch  ohne Zukunftsgutachten sehr genau, welches Schicksal ihnen bevorstand:  das Los des Grenzlandes. Die Gro\u00dfb\u00fcrger der Industriest\u00e4dte Augsburg,  N\u00fcrnberg und M\u00fcnchen dagegen w\u00fcnschten sich den Nationalstaat und sahen  vor allem ihren wirtschaftlichen Vorteil. Der K\u00f6nig zauderte. Das Gesetz  des Handelns bestimmten Preu\u00dfen und Bismarck.<br \/>\n1870 provozierten sie  den Krieg gegen Frankreich, den alten bayerischen Verb\u00fcndeten. Bayern  marschierte diesmal auf preu\u00dfischer Seite und siegte. 3000 Bayern lie\u00dfen  hierf\u00fcr ihr Leben. Die Wogen der nationalen Begeisterung schwappten  auch nach Bayern. Der bayerische Historiker Dr. Nepomuk Sepp sch\u00e4mte  sich nicht, den Sieg \u00fcber den \u201eErbfeind\u201c Frankreich zu bejubeln.<br \/>\nUnd  der K\u00f6nig? Unter Zugzwang gesetzt, trug er dem preu\u00dfischen K\u00f6nig den  Kaisertitel an. Wilhelm I. nahm an und Ludwig II. ging in die innere  Emigration. Den Weg dorthin lie\u00df er sich vergolden \u2013 durch Zahlungen aus  dem Welfenfonds, die er zum Bau seiner Schl\u00f6sser verwendete. Eine  Alternative h\u00e4tte er gehabt: die Abdankung. Dann w\u00e4re er zu recht als  Ludwig der Bayer in die Geschichte eingegangen. &#8211; Und Bayern w\u00e4re ein  St\u00fcck weit \u00e4rmer gewesen: ohne K\u00f6nigsschl\u00f6sser.<br \/>\nFreilich, die letzte  Entscheidung war auch so noch nicht gefallen. (Denn zum Beitritt Bayerns  in das neue deutsche Kaiserreich war eine Verfassungs\u00e4nderung  notwendig.) Im Landtag wurde zehn Tage um den Beitritt gerungen. Den  liberalen Reichsbef\u00fcrwortern aus den Gro\u00dfst\u00e4dten standen die bayerischen  Patrioten gegen\u00fcber: Bauern, Handwerker, Beamte, Pfarrer und Adelige.<br \/>\n(Um  die notwendige Zweidrittelmehrheit zu erreichen, musste die  Patriotenpartei gespalten werden.) Eine gewaltige Drohkulisse wurde  aufgebaut: K\u00f6nig, Minister und Bisch\u00f6fe hatten schon zugestimmt. Und  realistisch betrachtet, gab es zum Reichsbeitritt kaum mehr eine  Alternative. Es ging aber um mehr als eine rationale Entscheidung. Es  ging um die Gewissensfrage.<\/p>\n<p>Ein Abgeordneter lief in dem Disput  zur Form seines Lebens auf: Dr. Edmund J\u00f6rg, geb\u00fcrtiger Allg\u00e4uer,  Staatsarchivar in Landshut, einer der markantesten Politiker des  deutschen Katholizismus. Er beschwor eine freiheitliche internationale  Ordnung Europas. Gelinge dies nicht, dann m\u00fcssten die V\u00f6lker Europas  \u201ebis an die Z\u00e4hne bewaffnet, gegen einander stehen\u201c.<br \/>\nSchlie\u00dflich  prophezeite er f\u00fcr den Fall der kleindeutschen Reichsgr\u00fcndung \u201ein  wenigen Jahren wieder einen Krieg, den Rachekrieg mit Frankreich, das  dann nicht mehr ohne Alliierte sein wird.\u201c Und ganz am Ende fand er  diese Worte: \u201eIch f\u00fchle mich nicht bevollm\u00e4chtigt, unser liebes altes  Bayerland an Preu\u00dfen auszuliefern. Fragen Sie das Volk, ob es will oder  nicht\u2026\u201c<br \/>\nFragen Sie das Volk! Ein utopischer Aufruf f\u00fcr die damalige  Zeit. Aber es ist sch\u00f6n, dass die bayerische Geschichte eine Reihe von  M\u00e4nnern vorweisen kann, die sich im Januar 1871 nachdr\u00fccklich f\u00fcr  Frieden, Freiheit und Demokratie einsetzten und dabei eine europ\u00e4ische  Perspektive gewannen. 48 bayerische Patrioten blieben bis zuletzt ihrem  Gewissen treu. Sie sind die wahren Helden des Jahres 1871.<br \/>\nAm Ende  hat ihr Engagement nicht geholfen. Deutschland verspielte die  europ\u00e4ische Chance und Bayern marschierte in einen  militaristisch-undemokratischen Bund. Deshalb steht die weinende Bavaria  am Ende des \u201eKriegsraumes\u201c, den unser Gestalter Friedrich P\u00fcrstinger in  blutiges Rot getaucht hat. Hier wie in der gesamten Ausstellung hat er  den Inhalt in B\u00fchnenbildern inszeniert. Von den heldenhaften  Schlachtenpanoramen er\u00f6ffnet sich der Blick auf die Realit\u00e4t des  industriellen Kriegs. Die Fotos der zerst\u00f6rten franz\u00f6sischen St\u00e4dte  weisen auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, den Edmund J\u00f6rg in  seinen Reden vorhergesagt hatte.<br \/>\nUnd Ludwig? Er verabschiedete sich  aus seiner Residenzstadt und von seiner Aufgabe. Politische Initiativen  gingen von ihm nicht mehr aus. Er ergab sich seiner Bauleidenschaft, die  uns in den dritten Akt des Dramas f\u00fchrt.<br \/>\nWie der K\u00f6nig seine  Gegenwelten schuf: 1869 hatte er bereits den Grundstein f\u00fcr  Neuschwanstein gelegt, 1878 folgte Herrenchiemsee. Seit diese Bauwerke  f\u00fcr den Besucherverkehr ge\u00f6ffnet wurden, faszinieren sie die Menschen.<br \/>\nDer  \u201eRun\u201c auf die K\u00f6nigsschl\u00f6sser, wie wir ihn heute kennen, begann nach  dem Zweiten Weltkrieg. Daf\u00fcr war wesentlich mit ausschlaggebend das  Interesse der Amerikaner.<br \/>\n1954 titelte beispielsweise die  Illustrierte Life in einer Sonderausgabe \u00fcber das westdeutsche  Wirtschaftswunder \u201eGermany a Giant awakened\u201c und brachte auf der  Titelseite eine Aufnahme Neuschwansteins. Neuschwanstein wurde das  Symbol f\u00fcr das andere, das neue Deutschland; eine sp\u00e4te Ehrenrettung f\u00fcr  Ludwig und seine Bayern.<br \/>\nDabei fragte man sich lange, ob der Ansturm  auf die K\u00f6nigsschl\u00f6sser tats\u00e4chlich als Kulturtourismus bezeichnet  werden kann. Im Falle Linderhofs bedurfte es eines 1952 ergangenen  Urteils des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes, um klarzustellen, dass  der Besuch des Schlosses mit Grotte und Kiosk nicht  vergn\u00fcgungssteuerpflichtig sei.<br \/>\nDie K\u00f6nigsschl\u00f6sser wurden vielfach  mehr mit Kitsch in Verbindung gebracht. Hier ist es das Verdienst der  Ausstellung Michael Petzets von 1968, die kunsthistorische Bedeutung der  Ludwigschl\u00f6sser offengelegt zu haben. Seinen Erkenntnissen folgt die  Pr\u00e4sentation der Schl\u00f6sserverwaltung in unserer Ausstellung, konzipiert  von Johannes Erichsen, Sabine Heym, Katharina Heinemann, Uwe Schatz und  Sybe Wartena. Ein H\u00f6hepunkt sind dabei die 3-D-Rekonstruktionen von  Professor Gerd Hirzinger.<br \/>\n(In Herrenchiemsee hat der Besucher die  einmalige Chance, in die Vorstellungswelt des bayerischen K\u00f6nigs  einzudringen und sie am Original nachzuvollziehen. Abgeschirmt von der  \u00d6ffentlichkeit strebte Ludwig nach der perfekten Illusion, verwirklicht  mit dem Hightech des Industriezeitalters. Ob er gewollt h\u00e4tte, dass sich  seine Sch\u00f6pfung Besuchermassen \u00f6ffnet? Das ist eine rhetorische Frage.)<br \/>\nLudwigs  Gegenwelten sind radikal anders und wer glaubt, sie wirklich  durchdringen zu k\u00f6nnen, der irrt ganz gewiss. Benennen k\u00f6nnen wir  Einfl\u00fcsse und Grundlagen. Ganz entscheidend war f\u00fcr Ludwig die Welt des  Theaters, vor allem die Musikdramen Richard Wagners. Die perfekte  Illusion, daran arbeiteten beide wie besessen. Dabei war die  Arbeitsgemeinschaft des alten Revolution\u00e4rs von 1848 und des von  absoluter Herrschaft tr\u00e4umenden K\u00f6nigs schon etwas \u201eschr\u00e4g\u201c. Aber warum  sollte man gerade das nicht herausarbeiten? Daf\u00fcr gab es in Bayern nur  einen, dem wir das zutrauten, Christoph S\u00fc\u00df, durch \u201equer\u201c als  philosophisch fundierter Kabarettist ausgewiesen. Der Inhalt ist  wissenschaftlich belegt, die Form modern und die Interpretation  satirisch; echt bayerisch eben. Dies erschien uns auch als die richtige  \u00dcberleitung zum vierten Akt des Dramas: Wie Ludwigs K\u00f6nigreich modern  wurde.\u00a0 Dabei stehen sich in zwei R\u00e4umen wieder Klischee und Realit\u00e4t  gegen\u00fcber.<br \/>\nDas Klischee betrifft den Mythos Bayern. Bayern fremdelte  im neuen deutschen Kaiserreich. Politisch zeigte sich dies vor allem am  Kulturkampf. Bismarck bek\u00e4mpfte die internationale katholische Kirche.  Im Gegenzug entdeckte die katholische Bev\u00f6lkerung althergebrachte  Fr\u00f6mmigkeitsformen neu und brachte damit ihre Andersartigkeit  widerst\u00e4ndig zum Ausdruck. In Preu\u00dfen wurde entsprechend gegen die  Katholiken polemisiert: Sie seien reichsuntreu und romh\u00f6rig, dem  Aberglauben verfallen und r\u00fcckst\u00e4ndig.<br \/>\nZur Skepsis kam aber auch das  Staunen \u00fcber das exotische Bergvolk, zum Beispiel bei den Oberammergauer  Passionsspielen. Die Bayern spielten die Leidensgeschichte in einem  Riesenspektakel nach. Unglaublich! Immer mehr Besucher aus dem Norden  wollten das sehen. Deshalb steht im Zentrum unseres Bayernbild-Raumes  die Inszenierung der Passionsspiele und zwar mit den Originalkost\u00fcmen  der letzten Auff\u00fchrung. Vielen Dank hierf\u00fcr an die Oberammergauer und  Christian St\u00fcckl.<br \/>\n\u00dcberhaupt \u2013 das Schauspiel, das auch den K\u00f6nig so  stark faszinierte, war bald als bayerische Besonderheit wahrgenommen.  Das Theater-Ensemble der \u201eM\u00fcnchener\u201c brachte es seit 1879 auf etwa 2.300  Auff\u00fchrungen weltweit. Bei ihrem Gastspiel in Berlin hatte die  preu\u00dfische Presse noch eine \u201eInvasion von Barbaren\u201c bef\u00fcrchtetet. Bald  machte sich aber Enthusiasmus breit. Was waren die Bayern doch f\u00fcr ein  originelles V\u00f6lkchen; in eingek\u00fcrzten Dirndln und Krachledernen,  schuhplattelnd und jodelnd, mit der Schriftsprache angen\u00e4herten  Dialekten, die trotzdem keiner verstand. Super!<br \/>\nDas musste man auch  in natura gesehen haben. Der Bayerntourismus kam in Schwung und verband  sich mit der beliebten Sommerfrische in der heilen Welt der Alpen. Das  Bayern-Klischee war geboren und der Bayern-Kitsch war immer dabei.  Schuld daran waren, wie ja \u00fcberhaupt nicht anders zu erwarten: die  Oberbayern.<br \/>\nDer Blick hinter die Klischees offenbart dagegen ein  vielschichtiges Land, das auf dem Sprung ins Industriezeitalter war.  Dabei hatte Bayern v\u00f6llig andere strukturelle Voraussetzungen als die  klassischen deutschen Industrieregionen. In Bayern gab es eben keine  nennenswerten Kohlevorkommen und damit keine Schwerindustrie. Es half  auch nicht, Kohle zu importieren, denn noch 1870 war in S\u00fcddeutschland  der Preis f\u00fcr Ruhrkohle sechsmal h\u00f6her als am Grubenort.<br \/>\nDaraus  resultierte ein gewisser R\u00fcckstand, den Bayern aber seit Ludwig II. in  gro\u00dfen Schritten aufholte. Vor allem in den Zukunftsindustrien  Elektrotechnik und Chemie wurde Bayern f\u00fchrend. Basis war \u2013 heute wieder  hochaktuell &#8211; das bayerische Know-how um Wassertechnik und  Wasserenergie. Die ersten modernen Turbinen \u2013 eine franz\u00f6sische  Erfindung \u2013 liefen in Bayern. 1882 wurde die turbinenerzeugte Energie  f\u00fcr die gro\u00dfe internationale Elektrizit\u00e4tsausstellung erstmals per  Fernleitung von Miesbach in den M\u00fcnchner Glaspalast transferiert. Hier  trieb sie einen k\u00fcnstlichen Wasserfall an. Wenn er einmal funktionierte,  was zugegeben selten der Fall war, war er die Sensation schlechthin.<br \/>\nSeit  der Zeit Ludwigs II. wurde Bayern jenseits der Klischees modern, aber  auch nicht ganz, blieb \u201ediversifiziert\u201c und bei seinen Eigenarten. Bei  seinen Schlossbauten griff Ludwig auf modernste Technik zur\u00fcck. Ber\u00fchmt  sind seine Bem\u00fchungen um die illusionistische Ausleuchtung der Grotte in  Linderhof in Verbindung mit f\u00fchrenden Chemikern und Physikern seiner  Zeit. Diese brachten der BASF im damals bayerischen Ludwigshafen 1890  das Patent auf das Verfahren zur Herstellung k\u00fcnstlichen Indigos ein.  Durch seine Projekte gab der K\u00f6nig also manche Anst\u00f6\u00dfe, die  wirtschaftlich auf breiter Basis wirksam wurden und das  k\u00f6niglich-bayerische Wirtschaftswunder am Ende des 19. Jahrhunderts  mitbef\u00f6rderten.<br \/>\nEs h\u00e4tte eine richtige Erfolgsgeschichte werden  k\u00f6nnen, w\u00e4re da nicht das Ende gewesen, der 5. Akt: Wie Ludwig starb und  ein Mythos wurde. Die Entmachtung Ludwigs II. lief keineswegs unter  Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit ab, sondern wurde von der Presse  begleitet, teilweise in einer Art und Weise, die an eine Kampagne  erinnert. In der Ausstellung haben wir versucht, die vielen Ger\u00fcchte und  Halbwahrheiten vom Faktenkern zu l\u00f6sen. Der K\u00f6nig hatte sich immer  r\u00fccksichtsloser seiner Bauleidenschaft hingegeben. 1884 betrug der  Schuldenstand der Kabinettskasse aufgrund der Schl\u00f6sserbauten bereits  \u00fcber acht Millionen Reichsmark. (Belastet wurde damit nicht der  Staatsetat, sondern der Zivilfonds der Wittelsbacher, der sich aus den  Zuweisungen des Staates an die K\u00f6nigsfamilie speiste.)<br \/>\nDie  Wittelsbacher sahen die Entwicklung mit Besorgnis, denn der K\u00f6nig  verschuldete die Familie bereits in die \u00fcbern\u00e4chste Generation. Trotzdem  wollten 1884 alle den Skandal vermeiden. Bismarck stellte aus dem  Welfenfonds ein \u201eDarlehen ohne Hoffnung auf R\u00fcckzahlung\u201c in Aussicht.  Die Minister entwickelten einen Tilgungsplan und verordneten dem K\u00f6nig  einen Baustop.<br \/>\nDas Problem war nur, dass sich Ludwig nicht daran  hielt. In Herrenchiemsee und Neuschwanstein wurde weitergebaut, der  Grund f\u00fcr Schloss Falkenstein gekauft und Pl\u00e4ne f\u00fcr Chinesische und  Byzantinische Pal\u00e4ste entworfen. Im Sommer 1885 hatten sich die Schulden  dann nicht verringert, sondern verdoppelt. Jetzt wurde es  brandgef\u00e4hrlich. Die Wittelsbacher sahen ihre Existenz bedroht, die  Minister f\u00fcrchteten um ihre \u00c4mter und die Macht. Der K\u00f6nig forderte die  Unterst\u00fctzung des Staates und drohte mit einer Kabinettsumbildung. Immer  mehr Ger\u00fcchte \u00fcber die exzentrische Lebensweise Ludwigs kursierten.<br \/>\nFamilie  und Minister waren nun \u00fcberzeugt, dass der K\u00f6nig abgesetzt werden  musste. Den Weg wies die bayerische Verfassung: Im Falle der Erkrankung  des K\u00f6nigs \u00fcber ein Jahr war die \u00dcbernahme der Regentschaft m\u00f6glich.  Trotzdem grenzte die Ausf\u00fchrung an einen Staatsstreich der bayerischen  Ministerialb\u00fcrokratie. Grundlage f\u00fcr die Absetzung wurde ein Gutachten  des f\u00fchrenden \u201eIrrenarztes\u201c Professor Bernhard von Gudden, der Ludwigs  geisteskranken Bruder Otto betreute. Er war fest davon \u00fcberzeugt, dass  auch Ludwig geisteskrank war.<br \/>\nAm 10. Juni 1886 wurde die Entm\u00fcndigung  des K\u00f6nigs und die Macht\u00fcbernahme durch Prinzregent Luitpold \u00f6ffentlich  verk\u00fcndet. Bereits einen Tag vor der Proklamation war eine elfk\u00f6pfige  Kommission nach Hohenschwangau gereist, um den ahnungslosen K\u00f6nig  gefangen zu setzen. Die Aktion wurde zum Desaster: Die \u00f6rtlichen  Polizisten und Feuerwehrleute nahmen die Kommissionsmitglieder gefangen.  Der K\u00f6nig lie\u00df jedoch tags darauf die Abordnung nach M\u00fcnchen  zur\u00fcckkehren und verharrte unschl\u00fcssig auf Neuschwanstein. Eine zweite  Kommission wurde entsandt. Ludwig f\u00fcgte sich in sein Schicksal.<br \/>\nIn  einer verriegelten Kutsche wurde er nach Schloss Berg verbracht. Wenn  wir den Zeugenaussagen glauben k\u00f6nnen, verlangte er nach Gift. Am  Pfingstsonntag machte er gegen 18.45 Uhr einen Spaziergang. Er befand  sich nur in Begleitung von Dr. Gudden.<br \/>\nAls der K\u00f6nig und sein Arzt  nach eineinhalb Stunden noch nicht zur\u00fcckgekehrt waren, lie\u00df man die  beiden suchen. Kurz vor 23.00 Uhr fand man sie tot im Starnberger See.<\/p>\n<p>Das  Ende des Dramas und der Beginn des Mythos: Was war geschehen? Bald  schon kursierten Mordtheorien und bis heute wird \u00fcber den Hergang des  Ungl\u00fccks spekuliert. Die Indizien deuten auf einen Fluchtversuch, Unfall  oder Selbstmord. Der tragische Tod des K\u00f6nigs offenbarte das Ende einer  Epoche: G\u00f6tterd\u00e4mmerung. Eine Generation sp\u00e4ter war die bayerische  Monarchie und das deutsche Kaiserreich am Ende.<\/p>\n<p>Was bleibt? Die  gewaltigen R\u00fcstungsanstrengungen Kaiser Wilhelms II. f\u00fchrten in einen  f\u00fcrchterlichen Vernichtungskrieg. Von der gro\u00dfen deutschen Flotte, f\u00fcr  Abermillionen Mark aufger\u00fcstet, ist nichts \u00fcbrig geblieben. Die  Schl\u00f6sser Ludwigs II. stehen dagegen heute noch. Und kaum jemand kann  sich ihrer Faszination entziehen.<\/p>\n<p>Es bleibt auch das Verm\u00e4chtnis  der bayerischen Patrioten, das in der Vorstellung vom \u201eEuropa der  Regionen\u201c weiterlebt. Wir werden uns in Zukunft auf beides besinnen  m\u00fcssen, europ\u00e4ische Einigungen und regionale L\u00f6sungen. Den Weg wird der  demokratische F\u00f6deralismus weisen. Alles was Vielfalt bietet und  Gemeinschaft schafft, unsere bayerischen Traditionen und Dialekte,  werden dabei n\u00fctzlicher sein als viele heute glauben. (Und selbst wenn  man sich heute als bayerisch sprechender Eingeborener in M\u00fcnchen  vorkommt wie auf Freigang aus dem Indianerreservat, lohnt es sich, wie  Ludwig und seine Bayern, auf Eigenarten zu beharren und f\u00fcr Vielfalt  einzutreten.)<\/p>\n<p>Damit ist unsere Geschichte zu Ende erz\u00e4hlt. Es  bleibt zu danken, den vielen, die unsere Landesausstellung erm\u00f6glicht  haben. Besonders danke ich dem Bayerischen Landtag, den ma\u00dfgeblich  beteiligten Staatsministern und ihren Vorg\u00e4ngern und ganz besonders  Ihnen, Herr Ministerpr\u00e4sident. Sie er\u00f6ffnen heute schon die dritte  Landesausstellung in Folge. Das ist uns eine ganz besondere Ehre!<br \/>\nDanken  m\u00f6chte ich allen Sponsoren und F\u00f6rderern, den Leihgebern,  Wissenschaftlern und Restauratoren, unseren Partnern von der  Schl\u00f6sserverwaltung mit Johannes Erichsen und Josef Austermayer, vom  Landkreis Rosenheim mit Landrat Neiderhell und Klaus Sch\u00f6nmetzler sowie  den Kollegen von der Bayerischen Staatskanzlei mit Roland Krebs, der den  Festakt heute glanzvoll organisiert hat.<br \/>\nGanz besonderer Dank gilt  unserem Gestalter- und Aufbauteam mit Friedrich P\u00fcrstinger und Matthias  Held, die die au\u00dfergew\u00f6hnlich schwierige Baustelle hervorragend  bew\u00e4ltigten. Bayern und \u00d6sterreicher sind zusammen heute wieder  unschlagbar. Und last but not least danke ich dem Team des Hauses der  Bayerischen Geschichte. Projektleiter Peter Wolf hat die Hauptlast der  Arbeiten souver\u00e4n bew\u00e4ltigt und alle Beteiligten bestens koordiniert.<br \/>\nIhm  zur Seite standen engagiert und kundig Judith Bauer, Evamaria  Brockhoff, Margot Hamm, Elisabeth Handle, Andreas Jell, Barbara Kink,  Isabel Leicht, Clemens Menter, Andrea R\u00fcth, Caroline Sternberg und vor  allem unser lieber Kollege Christian Lankes, der diese Er\u00f6ffnung nicht  mehr erleben durfte.<br \/>\nSie alle zusammen haben eine wirklich  au\u00dfergew\u00f6hnliche Landesausstellung geschaffen mit viel Esprit und  Kreativit\u00e4t, eine Neuinterpretation der spannenden Geschichte Ludwigs  II. und seiner Bayern, aufgef\u00fchrt mit den modernsten Medien unserer  Zeit.<br \/>\nWir freuen uns, liebe Festg\u00e4ste, auf Ihre Resonanz, auf Lob,  Begeisterung, Kritik und Diskussion. Wir freuen uns auf ein gro\u00dfes  Ludwig- und Bayernjahr 2011.<br \/>\nVielen Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Ministerpr\u00e4sident Seehofer, sehr geehrte Herren Staatsminister Fahrenschon und Dr. Heubisch, lieber Herr Landrat Neiderhell,\u00a0 sehr geehrter Herr Pr\u00e4sident Dr. Erichsen, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Festg\u00e4ste, \u201eAlles was ist, endet. Ein d\u00fcstrer Tag d\u00e4mmert den G\u00f6ttern.\u201c (Rheingold) G\u00f6tterd\u00e4mmerung \u2013 Wotans, Walhalls, der alten Ordnung Untergang. 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