{"id":13,"date":"2013-01-01T14:49:13","date_gmt":"2013-01-01T12:49:13","guid":{"rendered":"http:\/\/bls-senat.de\/oskar-maria-graf\/einige-notizen-uber-bildung\/"},"modified":"2013-05-31T16:26:03","modified_gmt":"2013-05-31T14:26:03","slug":"einige-notizen-uber-bildung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bls-senat.de\/?page_id=13","title":{"rendered":"Einige Notizen \u00fcber Bildung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/bls-senat.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/omg-dtv_d12.jpg\" title=\"OMG-Portrait\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bls-senat.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/omg-dtv_d12.thumbnail.jpg\" title=\"OMG-Portrait\" alt=\"OMG-Portrait\" align=\"right\" hspace=\"8\" vspace=\"4\" \/><\/a>\u00bbWas f\u00fcr ein hochgebildeter Mensch!\u00ab r\u00fchmten die Damen einen Bekannten, der uns den ganzen Abend lang mit einleuchtenden Bemerkungen \u00fcber Freuds Psychoanalyse, \u00fcber Jungs neuere Auffassungen, \u00fcber den literarischen Existenzialismus und den k\u00fcnstlerischen Surrealismus unterhalten hatte. Da einige Damen reizend waren und die Gesellschaft sich in einem Stadium harmonischer Angeregtheit befand, schien es, nachdem sich der betreffende Bekannte bereits vor einer Weile verabschiedet hatte, nicht geboten, zu widersprechen, obgleich sich manche Zuh\u00f6rer des Eindrucks nicht erwehren konnten, dass der interessante Unterhalter all seine scheinbaren Erkenntnisse und \u00fcberraschenden Wortwendungen nur aus den neuesten Magazinartikeln \u00fcber diese Themen bezogen hatte. Einer meiner Freunde bezeichnet eine derartige Betrachtungs- und Ausdrucksart, bei welcher ein gewandtes Ged\u00e4chtnis und fixe Zungenfertigkeit die Hauptrolle spielen, als \u00bbMagazinbildung\u00ab und vertritt die Ansicht, dass sie eine frappante \u00c4hnlichkeit mit der schnell wechselnden Damenmode habe. Zuerst verbl\u00fcfft sie, ihre Keckheit \u00fcberrumpelt geradezu, und das wird als originell empfunden. Das Originelle reizt, kommt in Schwang, wird sehr schnell epidemisch, Ohr und Auge gew\u00f6hnen sich daran, und schlie\u00dflich braucht sich ein gewandter Plauderer, wie der betreffende Bekannte, nur an all das zu halten, um den Eindruck hoher Bildung hervorzurufen.<\/p>\n<p>\u00bbJa\u00ab, sagte mein Freund in die allgemeine Begeisterung hinein, \u00bbja, ein sehr belesener Mann!\u00ab Doch mit dem instinktiven Scharfsinn ihres Geschlechtes hatten die Damen die k\u00fchle Einschr\u00e4nkung herausgeh\u00f6rt, und nun begann ein heiter heftiges Gegeneinander von Meinungen und Argumenten, das zwar recht am\u00fcsant wurde, aber zu keiner Kl\u00e4rung f\u00fchrte. Immerhin war man dadurch zum weiteren Nachdenken angeregt worden.<br \/>\n\u00bbBildung ist bewusste Beseligung.\u00ab Diesen kaum durchdachten und wohl nur wegen seines aphoristischen Effekts geformten Satz schrieb ich einmal vor ungef\u00e4hr drei\u00dfig Jahren nach einer \u00e4hnlich durch diskutierten Nacht in mein Notizbuch. Eigent\u00fcmlich, dass solch fl\u00fcchtige Einf\u00e4lle so z\u00e4hlebig sind. Sofern sie nur ein Gran von Wahrheit besitzen, k\u00f6nnen sie weder verderben noch absterben, sie behalten ihre immanente, fort zeugende Kraft. Du vergisst sie. Sie sind wie weg gel\u00f6scht. In Wirklichkeit aber scheinen sie sich nur in unserem Unterbewusstsein verkrustet zu haben.<br \/>\nIrgendein zuf\u00e4lliges Gespr\u00e4ch nach langer, langer Zeit sprengt diese Kruste auf einmal; das Nicht-zu-Ende-Begriffene, gleichsam nur Erahnte rinnt ins Gemeng deiner Gedanken und besch\u00e4ftigt, beunruhigt dich mehr als damals. Zuerst bleibt dieses Besch\u00e4ftigen nur ein behagliches Denkspiel, nach und nach aber &#8211; es ist fast wie mit der s\u00fc\u00dfen Sehnsucht eines Verliebten &#8211; steigert sich alles zum hitzigen Drang, den umspielten Gedanken in eine plastische Form, in eine unanfechtbare Eindeutigkeit zu bringen.<br \/>\nUm es \u00fcbrigens gleich zu sagen: Bildung ist hier als pers\u00f6nliche Eigenschaft eines Menschen gemeint und nicht als das, was man allgemein darunter versteht, denn bei diesem letzteren handelt es sich stets nur um das Bildungsgut, das uns vererbt worden ist.<br \/>\nStreng genommen ist der Ausdruck \u00bbbewusste Beseligung\u00ab, in welchem Gedankliches und Gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfiges zusammengekoppelt werden, ein Widerspruch. Dennoch scheint durch ihn der Begriff pers\u00f6nlicher Bildung gekennzeichnet zu sein. Ihrem Wesen nach ist sie eine solche Koppelung. Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt sie mit dem zusammen, was ein geistig aufgeweckter Mensch sich im Verlauf der Zeit an Wissen angeeignet und gedanklich verarbeitet hat, aber wenn bei alldem nie ein j\u00e4hes Erstaunen, eine beseligende Ergriffenheit dazugekommen ist, so dass das Aufgenommene durch den Aufnehmenden dessen ureigenes Gesicht bekommt, dann bleibt dieser Mensch sein Leben lang einer, der zwar sehr viel wei\u00df, der geradezu ein Registrierapparat oder ein Konversationslexikon von Gelehrsamkeit ist, weiter aber nichts.<\/p>\n<p>Wie oft haben wir \u00fcber den fast\u00a0 einf\u00e4ltig anmutenden Satz \u00bbDas Wissen liegt nur in der Zeit\u00ab Rilkes hinweg gelesen, nur, weil uns der Wohlklang des ganzen Verses berauschte. Einmal aber blieb dieser Satz stehen und wich nicht mehr. Er zwang uns, \u00fcber seine Weisheit nachzudenken. Sie wurde uns zum ersten Male bewusst.<br \/>\nIn dem Versuch, anderen begreiflich zu machen, was ich als Bildung verstanden wissen will, ist dieses kleine Beispiel besonders erhellend. Es zeigt den Vorgang, bei welchem sich &#8211; einfach, weil der eine den Satz als brauchbare Sentenz w\u00f6rtlich nimmt, w\u00e4hrend der andere seiner unausgedeuteten Tiefsinnigkeit nachsp\u00fcrt &#8211; der Wissbegierige vom Gebildeten scheidet. Grob gesprochen n\u00e4mlich erinnert mich der erstere stets an die Bauern meiner Heimat w\u00e4hrend der Inflationszeit, die sich auf Grund dessen, dass sie sich pl\u00f6tzlich und unversehens in Reichtum versetzt sahen, wahllos Konzertfl\u00fcgel, Perserteppiche, Grammophone und Autos kauften, ihre H\u00e4user \u00bbmodernisieren\u00ab lie\u00dfen und ihre Stuben und Kammern mit teuren, geschmacklosen M\u00f6beln voll stellten, und das nicht nur, weil sie sich nach echter Bauernart mit wertbest\u00e4ndigen Sachen eindecken wollten, sondern weil sie glaubten, all das sei der Inbegriff der \u00bbFeinheit\u00ab. Es gab sogar nicht wenige unter ihnen, die kauften schlie\u00dflich dicke B\u00fccher, die \u00bbnach was aussahen\u00ab, denn, sagten sie sich, \u00bbman kann nie wissen, ob so was vielleicht nicht einmal gebraucht werden und von Nutzen sein k\u00f6nne\u00ab. Versorgt in allem waren diese Bauern damals, satt, \u00fcbersatt sogar, und es scheint, dass die meisten erst in einer solchen Lage darauf kommen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Haupts\u00e4chlich dachten sie dabei an ihre Kinder, die sp\u00e4ter einmal etwas \u00bbBesseres\u00ab werden sollten. Dazu seien zweifellos auch B\u00fccher notwendig.<br \/>\nGanz besonders erpicht waren sie auf die umf\u00e4nglichen, vielb\u00e4ndigen Ausgaben unserer Konversationslexika, denn darin, witterten sie, sei das ganze Wissen aufgestapelt. Und ich habe einen Bauern gekannt, der &#8211; dadurch, dass er viel mit sogenannten gebildeten Sommerfrischlern zusammen kam und ihre Unterhaltungen ungemein bewunderte &#8211; auf einmal darauf verfiel, ganze Abs\u00e4tze aus dem Konversationslexikon auswendig zu lernen, um \u00fcberall mitreden zu k\u00f6nnen und vor allem, um von den anderen D\u00f6rflern ob seines umfassenden Wissens angestaunt zu werden. Schlauerweise brachte er das Gespr\u00e4ch nach einigen geschickten, unauff\u00e4lligen Z\u00fcgen stets auf das Thema, das er insgeheim \u00bbgelernt\u00ab hatte, und sagte dann den ganzen Absatz ziemlich wortgetreu auf, was, wie sich denken l\u00e4sst, die Wirkung nie verfehlte. Er galt als hoch gebildet.<\/p>\n<p>Auf dieselbe Weise hamstert der Wissbegierige.\u00a0 Es ist nur ein gradueller Unterschied, wenn man ihn mit dem Bauern vergleicht. Er klappt das ausgelesene Buch zu, besucht Opern und Theaterst\u00fccke, vers\u00e4umt keine wichtige, vielbesprochen Ausstellung von alten und modernen Kunstwerken und sagt sich jedesmal:\u00a0 \u00bbSo, das kenne ich nun auch.\u00ab Er ist damit zufrieden und fertig, kann dar\u00fcber reden und geht ans n\u00e4chste. Aber wo er endigt, beginnt der Gebildete erst, denn Wissen bereichert wohl, Bildung dagegen vertieft. Hat sie uns einmal in ihren Bann gezogen &#8211; und sei es auch nur durch die Ber\u00fcckung, in die uns ein einziges Gedicht, der Satz einer Symphonie oder die Besonderheit der Farbgebung an einem Bild versetzt -, so sind wir ihr zeitlebens verfallen. Demjenigen, der gro\u00dfes Wissen erstrebt, str\u00f6men die Fakten zu, dem Gebildeten erschlie\u00dft sich jedes mal eine Welt. Diese Welt ist vielschichtig und nicht auf einmal zu bew\u00e4ltigen, wie der Wissbegierige annimmt. Sie ver\u00e4ndert sich mit den verschiedenen Lebensaltern oft so sehr, dass das Neue, das dabei hinzukommt, stets wie eben entdeckt wirkt. Deswegen die jedesmalige tiefe, stille Begeisterung \u00fcber so eine Neuentdeckung beim Gebildeten. Neue Tiefen hellen sich auf, und h\u00f6here Gef\u00fchlsreize entstehen dabei. Dadurch \u00e4ndert sich der ganze innere Mensch fortw\u00e4hrend. Nicht nur seine geistige Selbst\u00e4ndigkeit reift, nicht nur seine Witterung f\u00fcr das Wesentliche steigert sich, auch die Art, Aufgenommenes gedanklich und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig auszusch\u00f6pfen, nimmt ganz bestimmte Z\u00fcge an, und zuletzt ist er der Ausdruck alles dessen. An die Stelle von \u00dcbertriebenheit und Banalit\u00e4t tritt die zwingende, klare Einfachheit, und das Kennzeichen eines wahrhaft Gebildeten ist sein v\u00f6lliges Freisein von jeder eitlen \u00dcberheblichkeit. Er ist dem\u00fctig. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ralph_Waldo_Emerson\" title=\"Klick zur Wikipedia-Seite\" target=\"_blank\">Emerson<\/a>,\u00a0 dessen pastorale Hausbackenheit oft recht langweilt, findet daf\u00fcr einmal den erstaunlichen Satz:\u00a0 \u00bbDer Mensch ist nur halb er selbst &#8211;\u00a0 die andere H\u00e4lfte ist sein Ausdruck.\u00ab Das ists!<br \/>\nAusdr\u00fccklich muss der marxistischen Auffassung, die der Bildung eine \u00bbsoziale Funktion\u00ab zuweist, widersprochen werden, denn dies Auffassung basiert auf dem Kernsatz \u00bbWissen ist Macht\u00ab und missversteht, missdeutet das Wesen der Bildung vollkommen, in dem sie a priori annimmt, es handele sich dabei um etwas allgemein Erlernbares, das auf Grund gen\u00fcgender Schulung zu einer brauchbaren Instrument, zur Waffe im Kampf um die politisch Macht wird. Bildung aber wurzelt nicht in einem solchen Zweck und Nutzungsbewusstsein. Sie ist vielmehr etwas, das von keine gesellschaftlichen Ordnung abh\u00e4ngt und ihr auch nie untertan sein kann. Sie bleibt stets eine absichtslos geistig-menschliche Mission einzelner, die in jedem Volk, in jedem staatlichen Gebilde meist nur als d\u00fcnne Schicht vorhanden sind. Vom Snobisten trennt den Gebildeten jene best\u00e4ndige Unruhe, das &#8211; wenn ich so sagen darf &#8211; spirituelle Gl\u00fcck, welches ihm zuteil geworden ist, in anderen eben so wirkend zu machen. Niemand kann ihm eine \u00bbFunktion\u00ab erteilen, denn seine eigentliche Berufung kommt aus ihm selbst. E bleibt kraft des Feuers, das in ihm brennt, immer der Herr seiner\u00a0 selbst, und in Zeiten, da Geistiges haupts\u00e4chlich danach beurteile wird, ob es einen realen gesellschaftlichen Nutzen abwirft, eine sehe abseitige, ja meist sogar suspekte Erscheinung.<br \/>\nDem inneren Prozess, den er durchgemacht hat, verdankt der Gebildete seine untr\u00fcgliche Empfindung f\u00fcr jenes Echte und G\u00fcltige, welches die Zeiten und alle gesellschaftlichen Wandlungen \u00fcberdauert. Einzig und allein daraus w\u00e4chst, wenn man will, sein Wert, sein \u00bbNutzen\u00ab. Erlebten wir es denn nicht immer und immer wieder, dass das Werk\u00a0 eines m\u00e4chtigen Dichters, eines K\u00fcnstlers oder Philosophen generationenlang vergessen wird? Man kennt h\u00f6chstenfalls noch einige Namen davon. Wer hebt sie ins Licht und bewirkt, dass Werk an und Sch\u00f6pfer in ihrer ganzen Gr\u00f6\u00dfe und Bedeutung werden? Derjenige, der &#8211; eben weil er sich in langen Abst\u00e4nden immer wieder damit besch\u00e4ftigt &#8211; sie neu entdeckt und in aller Munde bringt, der Gebildete. Anzunehmen, dass solche Neuentdeckungen nur bestimmte Perioden innerhalb des Zeitverlaufes hervorrufen, die f\u00fcr das Spezifische der vergessenen Werke besonders empf\u00e4nglich sind, ist nur halb richtig und h\u00f6chst anfechtbar. Vom rohen Diamant wei\u00df man wohl, dass er einen unbestimmbaren Wert hat, und auch den erahnt nur der Kenner. Der Schleifer aber holt erst das aus ihm heraus, was f\u00fcr uns Menschen Bedeutung gewonnen hat: den tiefen Glanz, die faszinierende Strahlung die\u00a0 erregende Freude bei seinem Anblick. Ahnender Kenner und Schleifer zugleich &#8211; das ist der Gebildete, der \u00bbbewusst Beseligte\u00ab .\u00a0 Winckelmann, den Lessings <em>Laokoon<\/em> auf seinen richtigen Weg brachte, war so einer.\u00a0 Ohne diesen m\u00e4rkischen Schusterssohn ist das weitreichende Panorama unserer Bildung, das Goethe genauso wie noch Burckhardt und Nietzsche mit einbegreift,\u00a0 nicht zu denken.<a href=\"https:\/\/bls-senat.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/laakoon_d12.jpg\" title=\"Laokoon-Gruppe\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bls-senat.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/laakoon_d12.thumbnail.jpg\" title=\"Laokoon-Gruppe\" alt=\"Laokoon-Gruppe\" align=\"right\" hspace=\"8\" vspace=\"4\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Gedanke liegt nahe, dass mit dem,\u00a0 was hier als \u00bbgebildeter Mensch\u00ab bezeichnet wird, eigentlich der sch\u00f6pferische K\u00fcnstler, der Dichter, Musiker oder Maler, gemeint ist. Dagegen steht die Erfahrung, dass eine derartige Begabung oder Genialit\u00e4t, eben durch<br \/>\neine meist gef\u00fchlsgeleitete Einseitigkeit, aus welcher sie ihre Kraft bezieht, oft sehr weit von Bildung entfernt ist. Ausnahmen zugestanden,\u00a0 gibt es eine Menge sehr beschr\u00e4nkter, ausgesprochen dummer K\u00fcnstler, und das immer wieder Verbl\u00fcffende dabei ist,\u00a0 dass darunter viele Schriftsteller sind, und nicht die schlechtesten.<br \/>\nNein, ein gebildeter Mensch ist weder dumm noch\u00a0 beschr\u00e4nkt, und seine Klugheit lebt mehr in der N\u00e4he der genie\u00dfenden Weisheit. Er ist ein dankbar Aufnehmender und neidlos Verschenkender. Die \u00bbbewusste Beseligung\u00ab hat seinen Verstand und sein Gef\u00fchl in ein vollkommenes Gleichgewicht gebracht. Seine Ausstrahlung gleicht dem R\u00f6mischen Brunnen Conrad Ferdinand Meyers.\u00a0 \u00bbEr nimmt und gibt zugleich.\u00ab\u00a0 Dadurch wird der Gebildete zum Bildenden. Denn keine wirkliche Beseligung kann f\u00fcr sich allein bleiben. Sie muss sich mitteilen. Erst dadurch, dass sie andere daran teilnehmen l\u00e4sst, wird sie zu dem, was sie ist. Im anderen Falle bleibt sie steriles Selbstbegn\u00fcgen. Es gibt keine unaktive Bildung; auch das Bildungsgut, das uns zufiel, hat eine fortzeugende Aktivit\u00e4t. Wahre Bildung unterscheidet sich von jener, die sich als solche ausgibt, dadurch, dass sie keine Enge kennt, alle Grenzen durchbricht und \u00fcber die Zeit hinauswirkt, um in nachfolgenden Generationen den gleichen Gef\u00fchlsdrang, die gleiche intellektuelle Unruhe zu erhalten und neu zu entz\u00fcnden.<br \/>\nVon Ludwig Tieck, dem man f\u00e4lschlicherweise noch immer die deutsche Mit\u00fcbersetzung Shakespeares zuschreibt, wissen wir, dass er einer der belesensten M\u00e4nner seiner Zeit war. Seine viel bewunderte, scheinbar so hohe Bildung blieb sehr begrenzt auf kleine Zirkel und starb mit ihm. Nicht er, der nur romantisierte und nie ihr Wesentliches begriffen hat, schuf die Romantik und fundierte sie, sondern die Br\u00fcder Schlegel, Novalis, Arnim und Brentano;\u00a0 aber davon abgesehen: Im Vergleich zu ihm las Goethe wenig und sehr langsam. Die Bildung Goethes aber &#8211; selbst wenn man einmal sein rein dichterisches Werk ganz beiseite l\u00e4sst &#8211; hat nachkommenden Generationen bis zum heutigen Tage Dinge erschlossen, die erst er in ihrer letzten Tiefe erf\u00fchl- und begreifbar machte.<\/p>\n<p>New York, den 29. August 1950<\/p>\n<p>Leseprobe\u00a0 S. 121\u00a0 &#8211; S. 127\u00a0 aus<br \/>\nOskar Maria Graf:<br \/>\n<strong>An manchen Tagen<\/strong>. Reden, Gedanken und Zeitbtrachtungen. Werkausgabe Band XII, herausgegeben von Wilfried F. Schoeller.<br \/>\nM\u00fcnchen : List, 1994. 340 S. Gebundene Ausgabe<br \/>\nISBN: 978-3471776964<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbWas f\u00fcr ein hochgebildeter Mensch!\u00ab r\u00fchmten die Damen einen Bekannten, der uns den ganzen Abend lang mit einleuchtenden Bemerkungen \u00fcber Freuds Psychoanalyse, \u00fcber Jungs neuere Auffassungen, \u00fcber den literarischen Existenzialismus und den k\u00fcnstlerischen Surrealismus unterhalten hatte. 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